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73. Württembergische Weinbautagung in Weinsberg
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Die 73. Württembergische Weinbautagung am 11. Februar 2026 brachte Forschung, Praxis und Politik erneut in Weinsberg zusammen und bot angesichts der derzeit äußerst angespannten wirtschaftlichen Situation vieler Weinbaubetriebe ein vielfältiges Programm zu zentralen Zukunftsfragen des Weinbaus.
Nach der Begrüßung am Mittwoch, 11. Februar 2026, durch Dr. Dieter Blankenhorn, Direktor der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO), der die Bedeutung von Innovation, Wissenstransfer und betrieblicher Anpassungsfähigkeit hervorhob, ordnete Minister Peter Hauk MdL die aktuellen Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten des Landes ein. Er betonte die Relevanz eines modernen, nachhaltig ausgerichteten Weinbaus und die Notwendigkeit, strukturellen und wirtschaftlichen Herausforderungen aktiv zu begegnen: „Der Weinbau in Baden-Württemberg hat aktuell mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Der sinkende Weinkonsum, steigende Personal- und Energiekosten, Wetterextreme und neue Schaderreger wie die Amerikanische Rebzikade oder Rebkrankheiten beeinträchtigen die wirtschaftliche Gesamtsituation der Weinbaubetriebe zum Teil massiv. Das Land greift mit Fördermöglichkeiten beispielsweise für die Bewirtschaftung von Steillagen oder kleinparzelligen Flächen kurzfristig unter die Arme. Wir können die Krise im Weinbau nur überwinden, wenn die Einkommensverhältnisse in der Weinbranche wieder stimmen. Um den Weinbau in Baden-Württemberg zu halten braucht es faire Erzeugerpreise aber auch ein bisschen mehr „Weinstolz“ der Konsumenten. Kaufen Sie regionale Weine aus Baden-Württemberg und sichern Sie damit Weinbaukultur, Kulturlandschaft und die Zukunft unserer heimischen Weinbaufamilien“, sagte Minister Peter Hauk MdL.
Regierungspräsidentin Susanne Bay sagte anlässlich der 73. Württembergischen Weinbautagung: „Der Weinbau steht derzeit vor tiefgreifenden wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. Als Regierungspräsidium ist es unsere Aufgabe, Betriebe aktiv bei der Transformation hin zu mehr Wettbewerbsfähigkeit, Klimaanpassung und Nachhaltigkeit zu unterstützen. Die Württembergische Weinbautagung macht deutlich, wie wichtig der enge Schulterschluss aller Beteiligten ist, um den Weinbau in Württemberg langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln.“
Mit einem praxisnahen Einstieg stellte Magali Blank von der LVWO vor, wie sich der optimale Lesezeitpunkt unter veränderten klimatischen Bedingungen zunehmend zu einer entscheidenden Qualitätsfrage entwickelt. Sie zeigte anhand aktueller Versuchsergebnisse, welche Auswirkungen frühe oder späte Leseentscheidungen auf Reifeparameter, Aromatik und Stilistik haben und welche Strategien Betriebe künftig verfolgen können.
Anschließend präsentierte Jakob Hörl von der Universität Hohenheim gemeinsam mit einem Vertreter aus der Weinbaupraxis zentrale Ergebnisse aus dem Projekt Vitiforst. Sie erläuterten, wie Gehölzstrukturen im Weinbau ökologische Funktionen übernehmen können – etwa durch die Förderung von Biodiversität, verbesserte Kohlenstoffbindung oder die Stabilisierung von Standortbedingungen – und welche Erfahrungen und Rückmeldungen erste Praxisbetriebe aus der Umsetzung berichten.
Aus Sicht des Marktes zeigte Kolja Bitzenhofer vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg, wie nachhaltige Produktionsweisen in der Vermarktung gezielt eingesetzt werden können. Er stellte dar, welche Vermarktungspotenziale sich aus pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PIWI-Sorten) und ressourcenschonenden Produktionsmethoden ergeben und wie Betriebe diese Entwicklungen strategisch nutzen können. Anhand der gemeinschaftlichen Produktentwicklung Tamino erläuterte er, wie moderne, PIWI-basierte Weinprofile erfolgreich kommuniziert werden können. Zudem ging er auf die Einführung von Mehrwegflaschen ein, die als weiterer Baustein einer zeitgemäßen und ökologisch orientierten Vermarktung zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Anschließend gab Winzer Ulrich Klumpp vom Weingut Klumpp aus Bruchsal Einblicke in die Bedeutung betrieblicher Vielfalt und wie modernes Weinmarketing in der Praxis aussehen kann. Er zeigte, wie zusätzliche Standbeine – etwa Weinausschank, Veranstaltungen, Direktvermarktung oder ergänzende Angebote im Betrieb – zur wirtschaftlichen Stabilisierung beitragen und gleichzeitig die Positionierung eines Weinguts im Markt und auch in der Region stärken können.
Im Themenfeld Weinbau – Next Generation präsentierte Miriam Gierner, Absolventin Wein-Technologie Management (DHBW/LVWO), ihre Arbeit zur Entwicklung alkoholfreier Weincocktails. Sie zeigte technologische Schritte, sensorische Herausforderungen und wirtschaftliche Chancen eines Segments auf, das im deutschen Weinmarkt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Neben den Auswirkungen des Klimawandels stellen das geänderte Konsumverhalten und Gesundheitstrends die Winzerinnen und Winzer vor die Herausforderung, neue, mitunter alkoholfreie, Produkte zu kreieren. Durch die zielgruppenspezifische Planung, Herstellung und Vermarktung eines solchen Produkts, wie das eines bespielhaft entwickelten alkoholfreien weinhaltigen Cocktails, besteht die Möglichkeit das Sortiment eines Weinbaubetriebs zukunftsfähig zu erweitern. Katharina Unger, Studierende Technikerin für Weinbau und Oenologie der LVWO, beleuchtete anschließend, wie sich Betriebsformen im Weinbau verändern und welche Modelle unter den Bedingungen von Digitalisierung, Kostendruck und Marktvielfalt künftig tragfähig sein können.
Der Nachmittag widmete sich dem Rebschutz. Raffael Peer vom Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau stellte seine Erfahrungen im Umgang mit Flavescence dorée (FD), eine meldepflichtige, gefährliche Quarantänekrankheit im Weinbau, vor und zeigte, wie Monitoring, Vektorbekämpfung und klare Eingriffsstrategien die Ausbreitung der gefährlichen Krankheit kontrollieren können. Bereits seit 2003 betreibt der Beratungsring ein landesweites Monitoring der Vergilbungskrankheiten. Der erste Nachweis von Larven der Amerikanischen Rebzikade gelang 2010 in Salum an der Grenze zum Trentino. Seitdem werden Flugverlauf und Populationsdichte systematisch erfasst und überwacht. So stieg der Anteil positiver FD-Proben seit 2018 stetig an.
Lars Askani vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg ergänzte die Sicht aus Deutschland und berichtete über aktuelle Entwicklungen bei Flavescence dorée und Japankäfer, zwei Schaderreger, die zunehmend Relevanz für den süddeutschen Weinbau gewinnen.
Karl Bleyer von der LVWO Weinsberg schloss den Fachteil mit einem Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse aus dem aktuellen Rebschutz. Er stellte Ergebnisse aus Untersuchungen zu Peronospora, Oidium, Esca und weiteren Schadorganismen vor und zeigte, wie integrierte Strategien, Prognosemodelle und die Wahl geeigneter Sorten kombiniert werden können, um einen wirksamen und zugleich ressourcenschonenden Pflanzenschutz zu gewährleisten.